Nach gefühlt zahllosen Jahren als Diakon verabschiedet sich Thomas Gugger in den aktiven Ruhestand. Im Interview erzählt er, was ihn getragen hat, warum Zuhören oft wichtiger war als Reden – und welche Rituale er auch nach der Pensionierung weiterpflegen wird.
Thomas, woran erkennt man eine gelungene Seelsorge - auch wenn niemand applaudiert?
Wenn die ratsuchende Person für den nächsten Wegabschnitt Perspektive und Hoffnung findet. Wenn er oder sie gleichzeitig erahnt oder erlebt, dass Gott mittendrin ist und die Person sagen kann: «Du bist ein Gott, der mich sieht» (wie Hagar in der Wüste). Manchmal reicht es, einfach da zu sein, Raum zu geben, damit das Gegenüber Gedanken und Gefühle in Worte fassen kann, ohne Zensur und Angst.
Denk einmal zurück an deine Anfänge als Diakon: Inwiefern haben sich deine Aufgaben-Schwerpunkte seither verändert?
Zu Beginn hatte ich ein klassisches Diakonat inne nach dem Motto «von der Wiege bis zur Bahre»: Unterricht, Seelsorge, Fürsorge (so hiess die Diakonie anfänglich), Besuche, Andachten und Gottesdienste, Sonntagschulen mit weit über 100 Kindern, ebenso Jugendgottesdienste (pro Sonntagmorgen zwei nacheinander). Ich war Akteur und Jongleur in all diesen Aufgaben.
Im Verlaufe der Jahre durfte ich mich immer mehr spezialisieren: Glaubensschulung, Mitarbeiterbegleitung und -förderung, Erwachsenenbildung und Kleingruppenarbeit. Die Arbeit verlagerte sich vom Leiten zum Begleiten und Befähigen. So arbeite ich heute viel mehr mit Ehrenamtlichen als früher.
Was sind die drei wichtigsten Fähigkeiten, um als Diakon mehr als «nur» guter Zuhörer zu sein?
Ich suche das Design, das Potential im einzelnen Menschen, womit er oder sie sich weiter entwickeln kann, wie Gott ihn oder sie sieht. Ich freue mich jedes Mal, wenn Menschen in ihre Berufung finden.
Beim Gegenüber will ich Träume oder Sehnsüchte wecken, bei deren Verwirklichung ich möglicherweise Hand bieten kann. Viele Projekte und Initiativen in der Kirchgemeinde sind so entstanden: z. B. die Zeit zum Verweilen.
Zudem auch Empathie und Verschwiegenheit: zwei unabdingbare Fähigkeiten, welche Nähe und Vertrauen zum Gegenüber schaffen.
In welchen Situationen hat diakonische Arbeit das Potenzial, unterschätzt zu werden?
Die wichtigste Diakonie geschieht in den kleinen Zellen: In Ehe und Familie, im Haus, in der Nachbarschaft, im Quartier. Diakonie heisst in erster Linie dienen. Ich helfe mit, dass es meinem Nächsten – wie es Jesus sagt – gut geht. Da wird nach wie vor unglaublich viel im Verborgenen geleistet. Professionelle Diakonie kommt dort zum Zuge, wo Einzelne überfordert sind.
Was hat dich über all die Jahre getragen - auch in schwierigen Momenten?
Vier Dinge kommen mir dazu spontan in den Sinn:
Mir war immer wieder wichtig, mir zu vergegenwärtigen, dass es Gottes Gemeinde ist, in welcher ich dienen darf. Er trägt die letzte Verantwortung, nicht wir als sein Bodenpersonal. Das half mir, mich in entscheidenden Situationen nicht so wichtig zu nehmen (wie ich mich oft fälschlicherweise fühlte).
Besonders herausgefordert haben mich unerwartete Todesfälle und Suizide von mir nahestehenden Personen. Da durfte ich mehrmals erleben, wie es in der Bibel verheissen ist, dass Gott in den Schwachen mächtig ist. Da-sein, zuhören, Mit-Trauern und erleben, wie Gott im Chaos Ruhe schenkte.
Meine Frau ist eine grandiose und geduldsame Zuhörerin. Im Erzählen mit allen dazugehörenden Emotionen konnte ich meine Gedanken neu ordnen und vielfach Klarheit bekommen.
Nach Möglichkeit habe ich mich wöchentlich in eine Klause (Wohnwagen) für eine Nacht zurückgezogen. Hier gab ich meiner Seele Zeit und Ruhe, um zu verarbeiten und dabei neue Kräfte zu tanken.
Welche kleinen Gesten oder Begegnungen sind dir besonders im Herzen geblieben?
Eindrücklich sind für mich spontane Begegnungen, bei welchen mir das Gegenüber erzählt, was ein Satz oder ein kurzes Gespräch aus der Vergangenheit nachhaltig bewirkt hat. Nicht wenige Male darf ich mir eingestehen, dass diese Worte «zufällig», vielfach unbewusst, von mir ausgesprochen wurden.
Etwas vom Schönsten waren Momente, in welchen Menschen ihre Beziehung zu Gott klärten und ihm ihr Vertrauen neu schenkten.
Welchen «väterlichen Rat» gibst du deinem Nachfolger Bernd mit auf den diakonischen Weg in unserer Kirche?
Bernd ist glücklicherweise eine gereifte Persönlichkeit, die ohne «Rat-Schläge» meinerseits auskommt. Daher enthält mein väterlicher Rat Weisheiten, welche mir selbst in den vergangenen Jahren wichtig wurden:
- Lebe deine einmalige und individuelle Berufung.
- Lebe und arbeite als Original, Kopien gibt es genug.
- Traue Gott wesentlich mehr zu als dir selber.
- Arbeite mit den Menschen so zusammen, wie sie sind, und nicht, wie du sie gerne hättest.
- Lebe aus der Quelle und reiche nicht abgestandenes Wasser weiter.
- Ringe um die Einheit im Leib Christi, achte den Anderen höher als dich selber.
Welche Fähigkeiten aus dem Diakonenberuf sind im Ruhestand eher hinderlich?
In all den Jahren als Diakon versuchte ich in vielen Situationen, den Überblick zu bewahren und vorausschauend zu handeln. Hier lerne ich loszulassen. Ich will zulassen und erleben, dass es auch ganz anders geht...
Vielfach waren mein Terminkalender und laufende Arbeiten meine Taktgeber. Ich will lernen, dass Zeit haben und Spontaneität mehr Raum einnehmen dürfen.
Gibt es ein Ritual, das du auch nach der Pensionierung weiterführen wirst?
Da gibt es verschiedene:
- Die Tagzeitengebete wurden mir sehr wichtig; diese dürfen in meinem weiteren Alltag ihren Platz finden.
- Ich war viel zu Fuss unterwegs, z. B. auf meinem Arbeitsweg. Dies muss und darf ich mir nun neu organisieren.
- Als Pilgerbegleiter durfte ich mit vielen Menschen buchstäblich «eine Meile» Seite an Seite laufen. Dieses Engagement geht glücklicherweise weiter.
- Mein Wohnwagen als Rückzugsort wird in den nächsten Jahren nach wie vor ein Ankerpunkt sein.
- Wie ich die täglichen Kaffeepausen mit Kolleginnen und Kollegen ersetze, in denen man ungezwungen über Gott und die Welt diskutieren kann, ja, das weiss ich noch nicht...
Lieber Thomas, deine Rückschau beeindruckt und zeigt ein reiches und gereiftes Leben an der Seite unseres Herrn. Möge er deine Treue und Hingabe auch in deinem nächsten Lebensabschnitt segnen und für andere sichtbar sein lassen.
Die Fragen stellte Kai Friedrich