Thomas Rau

Beeindruckende Ansprache zum Bettag

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Roman Rutz, Mitglied unserer Kirchgemeinde und Generalsekretär der EVP Schweiz, hielt die Ansprache zum Bettag 2018 im ökumenischen Gottesdienst auf dem Hofplatz. Sie kann hier nachgelesen werden:
Thomas Rau
Predigtrede zum Eidg. Dank-, Buss- und Bettag 2018 auf dem Hofplatz in Wil von Herrn Roman Rutz, Generalsekretär der EVP Schweiz

Meine sehr verehrten Damen und Herren
Ich möchte Sie zuerst auf eine kleine Zeitreise mitnehmen. Vor 171 Jahren – für die, denen das Rechnen etwas Mühe bereitet – Genauer: im November 1847 fand auf Schweizer Boden der letzte bewaffnete Konflikt statt. Bürgerkrieg in der Schweiz. Konservative kämpften gegen Liberale, Katholiken gegen Reformierte. Der Krieg dauerte nicht lange und 1848 wurde dann der Bundesstaat Schweiz gegründet. Gerade diese Woche wurde der 170 Jahrestag der schweizerischen Bundesverfassung gefeiert. Auch der eidg. Dank-, Buss- und Bettag wurde damals institutionalisiert. Ein Ausdruck dafür, dass das fragile Gebilde der Schweiz Zusammenhalt braucht und dass dafür eine Besinnung auf das was zählt und wichtig ist, die geeignete Form ist.

Dank-, Buss- und Bettag. Was heisst das eigentlich? Was soll das bewirken? Was soll das bringen? Und in der heutigen Zeit fragen wir uns vielleicht: Was soll dieses Wort Busse? Wofür steht das und warum ist das notwendig? Ich möchte Ihnen in den kommenden Minuten einen Einblick geben, wie ich diesen Dank-, Buss- und Bettag verstehe.

Dankbarkeit
Es beginnt mit Dankbarkeit. Dankbarkeit ist wichtig, sagen Psychologen. Dankbarkeit befreit und macht fröhlich. Dankbarkeit lenkt den Blick auf das Wesentliche im Leben. Inmitten aller Hektik und Termine, Whatsapp-Nachrichten und Emails hilft Dankbarkeit, inne zu halten, das Schöne und Wichtige zu bestaunen. Seit dieser Woche habe ich mir auf meinem Handy eine Erinnerung eingerichtet: Ich soll mir nun täglich um 17.00 Uhr 5 Dinge überlegen für die ich dankbar bin. Bis jetzt eine tolle Erfahrung, erinnere ich mich doch so mitten am Tag an einige schöne Dinge, die ich erlebt habe.
Dankbar dürfen wir als Schweizerinnen und Schweizer sein, dass wir seit 170 Jahren keinen bewaffneten Konflikt mehr in der Schweiz hatten. Während in vielen Teilen der Welt Panzer auffahren und Raketen fliegen, haben wir in der Schweiz Frieden. Dankbar dürfen wir sein, dass wir genügend Nahrung haben, dass unser Gesundheitssystem funktioniert, wir lesen, schreiben und rechnen gelernt haben. Dankbar dürfen wir sein, dass es wieder geregnet hat, wir trotz Trockenheit immer genügend Wasser hatten, wir Ferien machen können, das Leben geniessen dürfen.
Wie viele Menschen dieser Welt, können all dies nicht sagen? Wie viele Leute leben in Angst vor Krieg, auf der Flucht oder gehen hungrig und ohne medizinische Versorgung ins Bett?
Und in all diesen Gegensätzen die Frage: Was habe ich Besonderes geleistet, dass ich all das Glück in der Schweiz geniessen darf? Hätte ich nicht gerade so gut im Jemen auf die Welt kommen können und mir würden jetzt die Kugeln um die Ohren fliegen? Ja, ich habe rein gar nichts dazu beigetragen, dass ich in der schönen Schweiz, mit Vater und Mutter und allenfalls Geschwistern gross geworden bin, es mir an nichts mangelte und ich ein schönes Leben führen kann.
Wenn uns das bewusst wird, könnten wir uns allenfalls schämen dafür, dass es uns so gut geht und anderen so schlecht. Doch das müssen wir nicht. Wir müssen uns nicht schämen, sondern wir sollen dankbar sein dafür - und bewusst mit diesem Reichtum und mit diesem Glück umgehen.
Die Bibel sagt uns aber immer wieder, was wir denn tun sollen, was aus dieser Dankbarkeit herauskommen soll: Es ist die Nächstenliebe. Wir haben vorhin den Text aus der Bibel (Mt 25) mit dem Übertitel «Das habt ihr mir getan» gehört.
Da heisst es dann eben:
35 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. 36 Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. 37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben?
Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.
42 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. 43 Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.
Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr auch mir nicht getan.


Dieser Text berührt mich immer wieder. Es sind nicht die eloquenten Worte, frommes Getue und ausschweifende Gebete, die Gott bei uns Menschen sucht. Er sucht diejenigen, die voller Dankbarkeit über alles was ihnen Gutes zugefallen ist, andere daran Teilhaben lassen. Nicht das Horten von Besitz und Reichtum, das Konservieren des eigenen Einflusses und der eigenen Macht, sondern das Teilen und warmherzige Aufnehmen wird belohnt. Nicht das Verurteilen von Schwachen und Armen, Dieben und Betrügern hat Bestand, sondern Grossherzigkeit, Annahme und Vergebung.

Und so kommen wir eben auch zum Thema Busse tun.
Denn egal wie dankbar wir über all das sind, was uns zufällt, wir stehen auch in der Verantwortung, wie wir mit unserem Glück umgehen und was die Auswirkungen von unserem Handeln sind.
«Das habt ihr mir getan», sagt der König zu den Einen. Zu den andern aber sagt er: «das habt ihr mir nicht getan». Wo stünde es der Schweiz gut an Busse zu tun? Was heisst Busse tun überhaupt? Im Deutschen versteht man unter Busse oft «Reue». Reue zeigen, Fehler einzugestehen und um Vergebung zu bitten. In unserer Kultur bisweilen gar nicht mehr so fremd, denn Fehler einzugestehen lernen wir in der Schule, Schwächen zeigen ist sexy und in Firmen wird eine Fehlerkultur gelebt. Alles also ganz einfach, ich stehe zu meinen Fehlern, bitte um Entschuldigung und alles ist wieder gut. So lernen wir das doch auch aus der Bibel!
Doch, was passiert mit Fehlern oder ich sage besser mit Schuld, für die ich mich nicht einfach so entschuldigen und in Ordnung bringen kann? Was passiert mit Schuld die wir als Schweiz auf uns laden und die nicht mit einem einfachen «Sorry» weggelacht werden kann.
Sie denken nun vielleicht, dass wir als Schweiz doch keine Schuld auf uns laden oder wir als Gesellschaft als Ganzes nicht schuldig werden! Ich möchte Ihnen anhand von drei Beispielen zeigen, dass wir sehr wohl sehr viel Schuld auf uns laden.
Nummer 1: Seit 170 Jahren keinen Bürgerkrieg mehr in der Schweiz. Wow sind wir nicht toll! Doch gerade in einer Zeit, in der es auf der Welt wieder zahlreiche Bürgerkriegskonflikte gibt, beschliesst unser Bundesrat, dass Kriegsmaterial künftig auch in Länder exportiert werden soll, die in Bürgerkriege verwickelt sind. Grund: Sicherung der Rüstungsarbeitsplätze. Es ist zynisch! Sie mögen argumentieren, «Ich bin nicht der Bundesrat und hätte dem nie zugestimmt». Einverstanden, dennoch machen wir uns als Schweiz mitschuldig an Tod, Leid und Verderben, wenn wir solche Konflikte noch befeuern.
Nummer 2: Menschenhandel. Alle wissen es, die meisten verschweigen es, aber der Menschenhandel im Prostitutions- und Pornografie-Gewerbe ist riesig. Ausbeutung, Vorspielen falscher Tatsachen oder schlichtes Ausnutzen finanzieller und familiärer Notsituationen bedeuten oft den Einstieg in das Sexgewerbe. Auch in der Schweiz arbeiten mutmasslich tausender solcher Frauen. Auch ist bekannt, dass sehr viel pornografisches Material nicht freiwillig bzw. unter Druck oder schlicht und einfach heimlich gefilmt wird. Nur ein einziger Grund ist verantwortlich für die riesigen persönlichen Tragödien und Traumatas dieser Frauen und vereinzelt auch von Männern. Ein einziger Grund: Unsere Nachfrage! Gerade auch in der Schweiz. Auch hier machen wir uns schuldig, wenn wir konsumieren, wegschauen oder einfach Gleichgültigkeit zeigen, den menschlichen Schicksalen der Betroffenen gegenüber.
Auch hier werden wieder manche sagen, ich konsumiere das nicht und würde alles unternehmen, damit dieser Wahnsinn gestoppt wird. Einverstanden.
Gehen wir also zu Nummer 3: Was würde der König wohl zu uns sagen, wenn er unsere Kleider oder unsere Smartphones sieht? 20% des weltweiten Rohstoffhandels läuft über die Schweiz. Die Abbauländer von Rohstoffen, die für unsere Smartphones verwendet werden, profitieren finanziell kaum. Hinterlassen werden gigantische Umweltsünden, Arbeitsausbeutung ist an der Tagesordnung.
Das Wort «Das habt ihr mir getan» könnte in diesem Fall bedeuten «Ihr habt mich arbeiten lassen, aber mich kaum bezahlt», «ihr habt mich arbeiten lassen und dabei meine Gesundheit ruiniert», «ihr habt unsere Rohstoffe genommen und dabei unsere Lebensgrundlagen zerstört».
Meine Damen und Herren spätestens bei Nummer drei wird offensichtlich, dass wir schuldig geworden sind. Schuldig als Schweiz und daher schuldig als Menschen. Leidtragende sind dabei in aller Regel andere Menschen, die unter den Folgen unseres Handelns leiden, die von unseren Konzernen ausgebeutet und ausgenutzt werden, die nicht voller Dankbarkeit auf ein Leben mit Frieden und Wohlstand blicken können. Es gibt tatsächlich Schuld, die nicht einfach so aus der Welt geschaffen werden kann.
Busse tun und Reue zeigen heisst daher noch viel mehr: Es heisst Umkehr zu Gott, im Denken, im Vertrauen, im Verhalten und in der Abkehr vom Bösen.

Sich im Gebet – und damit sind wir beim dritten Teil des heutigen Dank-, Buss- und Bettags – Sich im Gebet zu Gott hinwenden heisst, dankbar zu sein, für all das Gute, das wir in unserem Leben erfahren haben.
Es heisst aber auch zu bereuen, wo wir Schuld auf uns geladen haben und es heisst auch, Vergebung und Frieden von Gott zu erfahren.
Wo und wer ist nun aber dieser Gott, zu dem ich dieses Gebet sprechen kann? Für manche ist dieser Gott wie ein guter Freund, mit dem man ganz normal reden kann, manche begegnen Gott, wenn sie in sich selber ruhen und meditieren, manche spüren Gott in der Macht der Natur. Gott ist überall um uns. Wahrscheinlich ist Gott für uns das, was das Wasser für den Fisch ist, nämlich das, was uns das Leben ermöglich, das das Leben gibt. Ein altes äthiopisches Sprichwort sagt «Der Fisch bemerkt das Wasser als letzter». Nicht weil es zu weit weg ist, sondern weil es zu nah und so allgegenwärtig ist. Genauso ist es mit uns und Gott, der uns in jeder Freude, in jedem schönen Gedanken, in jedem glücklichen Moment unglaublich nah ist. Zu dem wir im Gebet kommen können, um für unser Glück zu danken, unsere Schuld zu bereuen und mit ihm einen neuen Weg einzuschlagen.
Bereitgestellt: 20.09.2018     Besuche: 76 Monat 
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